Leseprobe
LeoZeit: Schatten
Lies den Anfang — Prolog und die ersten Kapitel.
Prolog
Das Echo im Pomeranzengarten

Das metallische Schnappen der Gartenschere – gleichmäßig, unerbittlich, wie ein Metronom kurz vor dem ersten Schlag.
Heinz arbeitete am Gartenrand, unweit des Brunnenbeckens. Er stutzte den Buchsbaum mit einer Präzision, die er sich in Jahrzehnten angeeignet hatte – und die niemand von ihm verlangte. Niemand außer ihm selbst.
Der Juliabend lag schwül und lastend über dem Pomeranzengarten. Die Luft trug den herben Geruch frisch geschnittener Blätter – und den von etwas, wofür Heinz keinen Namen hatte. Ein Raunen, das ihm durch Mark und Bein ging. Jeden Abend dasselbe: Sobald die Schatten an den Schlossmauern emporstiegen, schien der Garten zu erwachen.
Schnitt. Schnitt. Dann: Stille.
Nicht das drückende Schweigen vor einem Gewitter. Eine andere Stille. Eine, die entsteht, wenn etwas Uraltes die Augen aufschlägt.
Die Luft vibrierte. Über den Arkaden verharrte der Himmel in einem unnatürlich tiefen Blau. Das vertraute Plätschern des Brunnens verzerrte sich zu einem hohlen, metallischen Kreischen – und dann erstarrte der Wasserstrahl mitten in der Luft. Ein gläserner Bogen. Reglos. Als hätte jemand die Welt angehalten.
Heinz ließ die Schere nicht sinken. Seine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er die Griffe. Er hatte all die Jahre auf diesen Moment gewartet. Jetzt, da er gekommen war, zitterten seine Hände nicht. Nur eine grimmige, bittere Gewissheit.
Dann kam die Kälte.
Kein Wetterumschwung. Ein Kälteeinbruch aus einer anderen Zeit. Sie kroch ihm unter die Haut und fraß sich bis in die Knochen, als hätte es den Juli nie gegeben. Weißer Reif legte sich auf seine Bartstoppeln, auf die Härchen an seinen Armen. Ein Frost, der von innen brannte.
Mit der Kälte kam ein Geruch. Pomeranzenaroma, schwer. Darunter lauerte etwas anderes: Moder. Ein Hauch von Fäulnis, als hätte jemand eine Tür aufgestoßen, die seit Jahrhunderten verriegelt war.
Er hob den Blick.
Auf der Balustrade standen sie. Eine Frau in einem Gewand, so schwarz, dass es das letzte Tageslicht verschluckte, eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Neben ihr die Silhouette eines Jungen – durchscheinend, wie ein Geist, der jeden Moment verblassen konnte. Hinter ihnen wirkte der Garten plötzlich wie eine Kulisse, hinter der nichts mehr war.
Ihre Hand lag auf seiner Schulter. Besitzergreifend. Als wäre er ihr letzter Halt.
»Georg …«, hauchte sie.
Der Name traf Heinz wie ein Schlag in die Magengrube. Im Beet neben ihm welkten die Blumen – in einem einzigen Herzschlag, lautlos. Die Blüten rollten sich ein, färbten sich schwarz und zerfielen zu Asche. Hier hatte die Zeit einen Riss bekommen, der sich nie wieder schließen würde.
Die Frau hob den Kopf. Unter der Kapuze lagen Schatten, so tief, dass kein Lichtstrahl sie durchdringen konnte. Nur zwei schwache Lichtpunkte glommen darin – wie Sterne, die längst erloschen sind, deren Schein uns noch immer erreicht. Ihre Hände, die sie gefaltet hielt, waren lang und blass, die Finger seltsam reglos, als hätten sie aufgehört zu zittern, weil das Zittern sinnlos geworden war. Sie sah Heinz an. Kein zufälliger Blick. Ein Erkennen. Sie kannte ihn. Nicht seinen Namen – sein Erbe.
»Gib ihn zurück.«
Kein Schrei. Nur Worte, schwer wie vierhundert Jahre.
An Heinz’ Handgelenk raste der Sekundenzeiger rückwärts – die mechanische Uhr seines Vaters, das alte Erbstück der Hüter – schneller, immer schneller, bis die Feder mit einem hässlichen Reißen brach. Das Glas bekam einen feinen, scharfen Sprung. Heinz rührte sich nicht.
Der Bann riss.
Die Hitze schlug zurück wie ein glühender Atem. Heinz sank auf ein Knie, die Hand flach auf den warmen Boden gepresst. Die Welt fügte sich wieder in ihre Fugen: Vögel schrien in den Baumkronen, Wasser platschte zurück ins Becken. Als wäre nichts gewesen.
Heinz keuchte. Die Luft schmeckte nach Verbranntem und Metall.
Er starrte auf die graue Asche, die auf dem Boden lag, wo gerade noch Blumen geblüht hatten. Die Uhr war Schrott. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Langsam stand er auf und klopfte sich den Staub von der Hose.
Erstes Kapitel
Der letzte Abend

Der Abend in Böblingen war einer von denen, die nach nichts Besonderem aussehen, obwohl sie ein ganzes Leben abschließen. Die warme Luft stand zwischen den Häusern. Der Himmel über den Dächern färbte sich langsam altrosa. Ein paar Straßen weiter klirrte Geschirr auf einem Balkon.
Alicia saß auf ihrem Bett, um sie herum das geordnete Chaos eines Umzugs. Die Bücherregale waren bereits leer. An den Wänden erinnerten nur noch helle Rechtecke daran, wo jahrelang ihre Poster gehangen hatten. Auf dem Fensterbrett stand als letzter stummer Zeuge ihr Kaktus – staubig, stachelig, unverwüstlich.
In den Händen hielt sie das Klassenfoto. Sie stand ganz am Rand. Nicht, als hätte man sie dorthin geschoben, sondern als hätte sie sich selbst diesen Platz ausgesucht, einen halben Schritt von der Gruppe entfernt, den Blick knapp an der Kamera vorbei. Ihr kupferrotes Haar – vom Vater geerbt – quoll widerspenstig unter der Haarspange hervor; die grünen Augen suchten etwas außerhalb des Bildausschnitts, etwas, das auf dem Foto nicht zu sehen war.
Sie legte das Foto in den Rucksack. Nicht in den Umzugskarton mit der Aufschrift Zimmer – Sonstiges. In den Rucksack. Der Rucksack blieb bei ihr.
Aus dem Nebenzimmer drang das gedämpfte Stimmengewirr ihrer Eltern. Marianna telefonierte. Ihre Stimme klang ruhig, fast geschäftsmäßig, aber Alicia kannte diesen Ton. So klang Mama, wenn sie ihre eigene Nervosität überspielen wollte. Thomas, ihr Vater, suchte irgendetwas und murmelte dazu leise vor sich hin – wahrscheinlich wieder den abhandengekommenen Klebebandabroller.
Morgen würden sie umziehen. Böblingen und Leonberg – zwei Städte, die sich auf der Landkarte fast berührten. Zwanzig Minuten mit dem Auto. Ein Katzensprung. Und trotzdem weit genug, um alles anders zu machen. Ein neues Zimmer mit Fenstern, aus denen man auf einen Hügel mit einem Schloss blickte.
Im Grunde verstand Alicia den Umzug sogar. Papas neue Stelle. Mamas jahrelanger Traum von einem Haus mit einem richtigen Garten, in dem man im Sommer frühstücken konnte. Ihr Kopf sagte Ja zu all dem. Ihr Bauchgefühl sagte etwas ganz anderes.
Am Kühlschrank in der Küche klebte Mamas To-do-Liste, eng beschrieben in ihrer klaren Handschrift. Blumen gießen. Schlüsseldienst. Supermarkt. Darunter fast ein Nachgedanke: Dachboden – erst Tischler fragen wegen Balken.
Alicia hatte gestern Abend gehört, wie Mama mit Papa darüber sprach: »Die Luke klemmt, und ich will nicht, dass jemand durch die Decke bricht, bevor wir wissen, wie’s da oben aussieht.« Papa hatte genickt, ohne aufzuschauen.
Dachboden.
Das Wort ließ Alicia nicht los. Ein geschlossener Raum in einem fremden Haus. Sie wollte nicht daran denken – also griff sie nach dem Handy.
Sie öffnete die Galerie. Die Fotos vom letzten Wochenende, als sie zum ersten Mal in Leonberg gewesen waren. Der Marktplatz. Und dann das Schloss auf dem Hügel, der Pomeranzengarten mit seinen streng geschnittenen Bäumchen in den riesigen Terrakottakübeln. Mama hatte glücklich gewirkt, als sie mit der Hand über die raue Rinde strich.
Alicia wischte weiter. Ein Bild vom Schlosshof. In der Mitte ein alter Brunnen, steinerne Schale, verwittert und dunkel. Eigentlich ganz unscheinbar. Aber als Alicia den Rand der Schale genauer betrachtete – dort, wo das Wasser in den Schatten überging –, sah sie etwas. Einen Fleck. Zu deutlich für einen Lichtreflex. Zu kompakt für einen zufälligen Schattenwurf der Mauer. Sie vergrößerte das Bild mit zwei Fingern. Die Pixel verschwammen, lösten sich in grobes Korn auf. Doch der Schemen blieb. Ein Umriss, der sich nicht auflösen ließ.
Quatsch, dachte sie. Nur ein dummer Schatten.
Aus der Küche schepperte eine Pfanne. Im selben Moment schien die Luft in ihrem Zimmer einen Augenblick lang zu gefrieren. Ein kurzes Zucken tief unter den Rippen, als hätte jemand einen Finger an eine Stelle gelegt, von der sie gar nicht wusste, dass es sie gab.
Dann war es vorbei. Alicia legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Matratze – schneller, als sie wollte. Ihr Arm fuhr nach oben; die Finger zogen den Ärmel über das Handgelenk. Sie stand auf und schaltete das Deckenlicht an. Helles, normales Licht. Nichts. Die Nerven, sagte sie sich. Nichts weiter als blöde Aufregung vor dem morgigen Tag.
Zum Abendessen saßen sie zu dritt in der halb ausgeräumten Küche. Kein Fernseher im Hintergrund, keine Handys auf dem Tisch. Einfach nur sie, umgeben von Stapeln gepackter Teller und Töpfe.
»Leonberg wird auch unsere Stadt«, sagte Marianna und schob Alicia das letzte Stück Brot rüber. Sie berührte dabei kurz ihren Handrücken – eine flüchtige Geste, die mehr sagte als alle Umzugslisten der Welt. »Das dauert halt. Gib der Stadt Zeit. Und gib dir Zeit.«
Alicia sah sie an. Einen Moment lang wollte sie es sagen. Den Schatten im Foto. Das Zucken unter den Rippen. Das Gefühl, das keinen Namen hatte. Sie öffnete den Mund.
Mama hatte Staubspuren auf der Schulter. Papa graue Schatten um die Augen. Beide hielten ihre Gabeln, als wären sie schwerer als üblich.
Alicia schloss den Mund wieder. Nicht heute, dachte sie. Heute nicht. Nahm das Brot.
Thomas nickte mit vollem Mund und warf Alicia einen aufmunternden Blick zu, der bedeuten sollte: Das wird schon, Schatz.
Später, als das Licht im Flur ausgeknipst war und das Haus in die Stille der letzten Nacht vor dem Aufbruch fiel, lag Alicia im Bett. Das Zimmer im Halbdunkel kam ihr vor wie eine leere Hülle. Die weißen Flecken an den Wänden schienen im schwachen Schein der Straßenlaterne zu leuchten.
Sie griff noch einmal zum Handy. Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Genau deshalb tat sie es. Ein letzter Blick auf das Brunnenfoto. Sie sah hin – und schaltete das Display aus, als würde sie eine Tür zuschlagen, hinter der es unerklärlich kühl zog. Einen Moment lang bildete sie sich ein, der Schatten hätte sich ein winziges Stück näher an den Bildrand geschoben. War es Einbildung? Oder hatte dieser Schatten etwas … Absichtsvolles? Sie verwarf den Gedanken, noch bevor er sich richtig formen konnte.
Ein seltsames Gefühl: Sie verließ Böblingen. Aber die Unruhe, die in ihr kribbelte, kam nicht vom Abschied. Sie kam von dem, was vor ihr lag. Wie eine Tür – nur einen Spalt geöffnet, und dahinter nichts als Dunkelheit.
Sie schlief ein. Ihre Finger krallten sich leicht in den Kissenbezug. Sie klammerte sich an die vertrauten Geräusche des alten Hauses: das leise Tropfen des Wasserhahns in der Küche, das Knarren der Dielen, wenn sich das Haus in der Abkühlung der Nacht streckte.
Doch der Brunnen ließ sich nicht verdrängen. Er wartete.
Zweites Kapitel
Schwellen

Der Umzugswagen war schon am frühen Morgen losgefahren. Als ihr Kombi die enge Kopfsteinpflasterstraße hinaufkeuchte und vor dem Haus mit dem hellen Putz hielt, standen die Kartons längst im Flur. Ordentlich aufgereiht. Wie ein stummer Vorwurf.
Es war August. Die Sonne brannte auf den Asphalt. Selbst die Klimaanlage im Auto hatte den Geist aufgegeben. Im Wagen herrschte schweres, drückendes Schweigen.
Das Haus kannten sie bereits. Sie hatten es im Winter gekauft. Kahle Bäume, grauer Putz – damals hatte es streng gewirkt. Ein solides Grundstück. Vernünftiger Preis.
Der Vorbesitzer war eines Tages spurlos verschwunden. Kein Abschied, kein Brief. Nach Jahren hatte das Gericht den Verkauf genehmigt. Sie hatten das Haus genommen, wie es war. Nichts angerührt, nichts ausgetauscht. Das Holz der alten Treppe war dunkel, durch Jahrzehnte fremder Hände poliert. Es bewahrte Geschichten in sich. Und es ließ sich Zeit, sie preiszugeben.
Jetzt, im Sommer, sah das Haus anders aus. Lebendiger. Seltsamer.
»Mein Gott«, hauchte Marianna beim Aussteigen. »Der Garten … das ist kein Garten. Das ist ein Traum!«
Die Hortensien blühten, als hätte ihnen niemand gesagt, dass das Haus den Besitzer gewechselt hatte. Die Blüten waren so schwer, dass die Zweige sich neigten. Rosen kletterten am Zaun hoch, mit Efeu zu einer einzigen grünen Wand verflochten. Das Gras reichte ihr bis zu den Knien, an manchen Stellen noch höher. Dazwischen drängten sich wilde Mohnblumen und kleine gelbe Blüten, deren Namen Alicia nicht kannte. Der Garten war verwildert, aber nicht vernachlässigt. Man hatte ihn sich selbst überlassen, und er hatte darin weitergelebt, ohne Zeugen.
»Der Boden hier ist hervorragend«, sagte Marianna. Sie war schon auf dem Weg zu den Büschen. Hitze und Müdigkeit vergessen. Ihre Augen leuchteten. »Schau dir diese Wurzeln an. Jahrzehntelange Pflege. Jemand hat diesen Garten sehr geliebt.«
Jemand, der nicht mehr da ist, dachte Alicia. Ihre Finger schlossen sich um den Riemen des Rucksacks, fester als nötig.
Sie stieg aus und blieb am Gartentor stehen. Es schwang quietschend auf – ein dünnes, klagendes Geräusch, das in der Hitze hängen blieb. Ihre Turnschuhe knirschten auf dem Kies. Das Geräusch kam ihr seltsam laut vor in dieser Stille. Ein verwildertes Beet säumte den Weg. Vertrocknete Stängel, braune Blütenköpfe. Sie zitterten, obwohl kein Wind wehte.
Alicia strich mit den Fingern über einen der Blütenköpfe. Samtig. Brüchig. Als würde er bei der nächsten Berührung zerfallen. Sie ging weiter zum Haus.
Doch der Blütenkopf, den sie berührt hatte, zitterte weiter – sie sah es nicht.
Die Luft war schwer von Hitze und Gerüchen: heißer Stein, gemähtes Gras von irgendwoher. Und noch etwas: schwach, kaum wahrnehmbar. Altes Holz, von der Sonne durchwärmt. So riecht ein Dachboden, wenn man ihn im Sommer öffnet.
Alicia fröstelte, obwohl die Hitze mit über dreißig Grad auf den Hof drückte.
Das Haus sah sie mit seinen Fenstern an. Dunkel. Durch das Dachfenster konnte man das Schloss erkennen und die dunklen Wipfel der Tannen. Drinnen standen ihre Kartons, ihre Möbel. Trotzdem wirkte das Haus fremd. Nicht feindlich. Nur noch nicht ihres. Wie ein Hotelzimmer: sauber, ordentlich, aber ohne Erinnerung.
Ein gepflasterter Weg führte zur Eingangstreppe, zwischen den Platten hartnäckiges Gras, auf der Treppe zwei leere Tontöpfe.
Die Haustür war aus Eiche, schwer. Der Messinggriff hatte die Form eines Löwenkopfes. Alicia berührte ihn. Heiß von der Sonne.
Drinnen roch es nach Staub, Karton und etwas Altem. Nicht unangenehm. Nur unvertraut.
Die Möbel standen, wo die Träger sie abgeladen hatten. Das Sofa mitten im Raum wie ein gestrandetes Schiff. Kartons türmten sich an den Wänden. Mamas Handschrift darauf: Küche, Schlafzimmer, Bücher. Auf dem hellen Parkett schmutzige Schuhabdrücke.
Das Treppengeländer aus Holz war warm und glatt unter ihrer Hand. Die Stufen knarrten. Die dritte von unten gab einen langgezogenen Ton von sich, wie eine berührte Saite. Alicia blieb stehen, lauschte. Kein anderer Laut. Nur ihr eigenes Herz, das schneller schlug, als es sollte.
Oben zweigte ein Gang mit fünf Türen ab.
Sie drückte die Tür zu ihrem Zimmer auf. Es war größer als in Böblingen. Deutlich größer. Und dadurch leerer. Höhere Decke, weitere Wände, mehr Luft. Die Sonne lag als gelbes Rechteck auf dem Boden. In dem Licht tanzten Staubpartikel, aufgewirbelt von den Umzugsleuten.
Alicia hob den Blick – und hielt inne.
An der Decke waren Sternbilder gemalt. Nicht einfach nur Sterne. Jemand hatte mit ruhiger Hand Linien zwischen ihnen gezogen und die Namen daneben geschrieben. Kleine, verblichene Schrift. Großer Bär. Kassiopeia. Orion. Und genau in der Mitte, über der Stelle, wo das Bett stehen würde: der Löwe. Das Sternbild Löwe. Mit einer Mähne aus feinen goldenen Linien. Einst hatten sie geglänzt. Jetzt schimmerten sie nur noch schwach.
Alicia stand lange da, den Kopf im Nacken. Wer hatte das gemalt? Ein Kind? Ein früherer Bewohner? Die Linien waren zu genau für Zufall. Zu sorgfältig für bloße Dekoration.
Das Fenster ging zum Garten hinaus. Direkt darunter wuchs ein alter Apfelbaum. Dicker Stamm, eine Krone, die den halben Himmel verdeckte. Ihr Bett war schon an die Wand gerückt. Schief zusammengebaut, aber es stand. Kartons mit der Aufschrift Alicia lagen auf dem Boden.
Sie trat ans Fenster. Der Rahmen war aus Holz, alt, mit feinen Rissen im Lack. Der Riegel klemmte. Alicia ruckte kräftig daran. Mit einem Ächzen sprang das Fenster auf.
Heiße Luft strömte herein. Schwer, zäh. Sie duftete nach Rosen und warmer Erde. Unten streifte Marianna zwischen den Büschen umher. Berührte Blätter, bückte sich zu den Wurzeln. Ihre Lippen bewegten sich, als spräche sie mit den Pflanzen. Thomas schleppte die letzten Taschen aus dem Auto und murmelte etwas von einem Bandscheibenvorfall.
Alles war normal. Alles war richtig.
Warum dann dieser Schauer, der ihr über den Rücken lief?
Alicia atmete langsam aus. Der Schauer war kurz gewesen. Eine halbe Sekunde, nicht mehr. Wie eine Kellertür, die jemand geöffnet und sofort wieder zugeworfen hatte. Sie sah sich um. Das Zimmer war leer. Das Sonnenlicht lag unverändert auf dem Boden. Nichts.
Nerven. Einfach nur Nerven. Neues Haus, neue Stadt. Normal.
»Alicia!« Mamas Stimme von unten. »Komm runter, hilf in der Küche!«
Sie wandte sich vom Fenster ab und ging zur Tür. Da, aus dem Augenwinkel, oben an der Flurdecke: eine Luke. Der Dachboden. Die Luke war alt, aus Holz, mit einem nachgedunkelten Griff. Daran hing ein Schloss. Massiv. Das Schloss dagegen glänzte noch. Jemand hatte es später angebracht. Jemand – der Vorbesitzer, bevor er verschwand? – hatte den Dachboden abgeschlossen.
Noch nicht.
Alicia blieb stehen und schaute hinauf. Sie hob die Hand – und ließ sie wieder sinken.
Nicht heute.
Sie zuckte mit den Schultern und ging nach unten.
In der Küche türmten sich Kartons mit Geschirr. Marianna suchte den Wasserkocher. »Ohne Tee wird dieses Haus niemals unser«, verkündete sie und öffnete dabei den dritten Karton in Folge. Den Bleistift, der sonst in ihrem hochgesteckten Haar steckte, hielt sie noch in der Hand, ohne es zu merken.
Thomas suchte einen Schraubenzieher. Alicia räumte Teller aus. Sie gab sich Mühe, nichts zu zerbrechen.
Marianna öffnete einen der Hängeschränke, um die Tassen einzuräumen, und stutzte. An einem der kupfernen Haken, die ihr beim ersten Besuch im Winter kaum aufgefallen waren, hing noch eine Tasse. Niemand hatte sie wohl bemerkt – sie hing ganz hinten, versteckt im Schatten des Schrankes. Weiß, mit einem dünnen blauen Streifen am Rand. Marianna nahm sie ab, drehte sie in den Händen. Der Vorbesitzer hatte sie zurückgelassen. Oder vergessen. Zwanzig Jahre lang hatte er sie jeden Morgen in der Hand gehalten.
»Komisch«, murmelte sie. »Die haben wir bei der Besichtigung gar nicht gesehen.« Sie stellte die Tasse behutsam ins Regal, als wäre sie ein Gegenstand, der noch einen Besitzer hätte, auch wenn der nicht mehr wiederkehrte.
»Der Vorbesitzer war allein«, sagte Thomas. »Seine Frau war schon lange tot. Die Kinder weggezogen. Er hat hier zwanzig Jahre allein gelebt. Und dann, eines Morgens – weg. Die Nachbarn haben es erst nach Wochen gemerkt.«
»Weg?« Alicia sah auf. »Wie – weg?«
»Verschwunden. Keine Spur. Das Haus stand jahrelang leer, bis das Gericht den Verkauf genehmigte.«
Alicia betrachtete die Haken. Sieben Stück. An einem hing noch die Tasse. Zwanzig Jahre allein. Und dann verschwunden. Spurlos. Sie versuchte, sich diesen Menschen vorzustellen, und konnte es nicht.
»Was ist auf dem Dachboden?«, fragte sie.
»Keine Ahnung«, sagte Thomas. »Alte Sachen, Fotos. Persönliches. Entfernte Verwandte, die das Gericht als Erben eingesetzt hatte, wollten nichts damit zu tun haben.«
»Wir gehen da nicht rauf«, fügte Marianna hinzu. »Das ist nicht unseres.«
Alicia nickte. Aber das Wort ›Dachboden‹ hatte sich wieder in ihre Gedanken gebohrt. Unsichtbar, aber spürbar. Sie dachte an das Schloss an der Luke. Neuer als der Griff. Glänzend. Warum hängt man ein Schloss vor eine Luke, hinter der nichts als Gerümpel ist?
Gegen Abend gab das Haus ein wenig nach. Die Küche funktionierte. Die Betten waren bezogen. Schief, aber bezogen. Marianna hatte ihre Blumentöpfe auf die Fensterbänke gestellt. »Damit das Haus versteht, dass wir es ernst meinen.« Thomas reparierte den Schrank und befand, das Haus sei ›technisch bewohnbar‹.
Alicia saß auf der Eingangstreppe und sah zu, wie der Garten dunkler wurde.
Zum Abendessen kam bestellte Pizza. Sprudel. Orangensaft. Thomas teilte die Pizzakartons aus, mit dem Gesichtsausdruck eines Dompteurs.
Sie saßen zu dritt am Tisch. Erschöpft, staubig, die Hände pochten vom Kistenschleppen. Sie kauten schweigend, rissen Stücke direkt aus dem Karton. Vor dem Fenster lag der Garten im Dunkeln. Der Apfelbaum war nur noch eine schwarze Silhouette.
»Also«, sagte Thomas. »Auf das neue Haus?« Er hob seinen Pappbecher.
Marianna lächelte. Alicia hob ihren.
»Auf das neue Haus.«
Pappe traf auf Pappe. Ein dumpfes Rascheln. Kein Klirren. Kein Laut.
Das Haus schwieg. Aber anders als zuvor. Abwartend.
Thomas stand als Erster auf. Er streckte sich, trat zum Fenster – und hielt inne. Zog die Schultern zusammen, einmal, kurz, als hätte ihn ein Luftzug gestreift. Er sah sich um. Kein Fenster offen. Keine Tür.
»Alte Fenster«, sagte er und rieb sich den Nacken. »Müssen wir abdichten lassen.«
Niemand antwortete. Marianna räumte bereits die Pizzakartons zusammen. Alicia sah Thomas an. Er hatte sich schon abgewandt.
In der Nacht konnte Alicia lange nicht einschlafen.
Das Zimmer war unvertraut. Die Schatten lagen anders. Die Decke war höher, dadurch wirkte die Dunkelheit tiefer. Ein Schacht über ihrem Kopf. Die Geräusche waren andere. Kein Aufzug, keine Nachbarn. Dafür das Knarren des Holzes, Blätterrascheln, ein fernes Rufen.
Die Matratze roch nach Waschmittel. Nach Böblingen, nach dem alten Leben. Alicia drückte die Nase ins Kissen und versuchte, sich einzureden, dass sich nichts verändert hatte. Es gelang nicht.
Sie lag da und dachte an den alten Mann, der hier allein gelebt hatte. Zwanzig Jahre.
Irgendwo im Haus klickte etwas. Kaum hörbar. Das Geräusch einer vorsichtig gedrehten Klinke. Der Atem stockte ihr kurz.
Stille. Wahrscheinlich nur Holz. Alte Häuser knarren nachts. Physik. Sonst nichts.
Sie wiederholte es im Stillen, wie einen Abzählreim. Physik, Physik, Physik. Es half nicht.
Sie drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Zwang sich, ruhig zu atmen. Fast war sie eingeschlafen, als es wieder klickte. Etwas lauter. Etwas näher. Kein Knarren. Ein Klicken. Trocken, kurz, präzise. Wie ein Schloss, das jemand losgelassen hat.
Direkt über ihr. Dort, wo der Dachboden war.
Hier endet die Leseprobe
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